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[Zurück] Erntebericht 1999Das Jahrhundert verabschiedet sich mit einer Rekordernte „Groß" ist das durchgängige Attribut zur Beschreibung des Weinjahrganges 1999. Groß ist die Menge, groß sind die geernteten Qualitäten! - Allerdings, und dies ist die Kehrseite der Medaille, das „Menge-Güte-Gesetz" hat sich eindrucksvoll bestätigt: Große Qualitäten gibt's nur bei maßvollen Mengenerträgen, ansonsten blieben die Oechslegrade hinter den Erwartungen zurück.
Dabei hatte der Jahrgang einen so hoffnungsvollen Start: Perfekter Austrieb im April, günstiges Wachstumsklima im Mai, zeitige, problemlose Blüte in der ersten Junihälfte, ein Bilderbuchsommer mit Sonnenscheinstunden im Übermaß und ein September, der alle Hitzerekorde zu schlagen schien. Die Reben hatten durchgängig einen Vegetationsvorsprung von 14 Tagen und in den Zeitungen war bereits die Vorfreude auf einen Jahrhundertjahrgang nach dem Vorbild des 1959ers zu lesen.
Als die Ernte, früher als gewöhnlich, Anfang Oktober einsetzen sollte, kam die Ernüchterung: Regen, Regen! Diese Regenflut hielt zwar nur ca. 10 Tage an und konnte auch die Trauben, die kerngesund und üppig wie seltenst erlebt an den Stöcken hingen, nicht schädigen, aber sie führte zu einem Quellen der reifen Beeren. Eigentlich sahen sie danach noch weit schöner und „propperer" aus, doch Mostgewichte und Säuren gaben nach und Konzentration ging verloren. Alte tiefwurzelnde Rebstöcke waren von diesem Aufblähen weit weniger betroffen als jüngere, noch flacher wurzelnde. - Zudem hatten, wie stets in Ausnahmejahren, sonnenverwöhnte Südlagen im Vergleich zu ansonsten weniger begünstigten Seitenlagen das Nachsehen!
Daß die Reben durch den sich abzeichnenden Erntesegen überfordert werden könnten, zeichnete sich bereits im August ab. Wir hatten deshalb in unseren Brauneberger Spitzenlagen eine vendange verte durchgeführt und den potentiellen Ertrag um 1/3 reduziert. - Dennoch haben wir in unserem Weingut die mengenmäßig größte Ernte seit 1934 eingebracht!
Wir begannen mit der Ernte am 14. Oktober und haben die letzten Trauben (mit Ausnahme des Eisweines) am 30. November gelesen. Über einen derart langen Zeitraum haben wir noch nie geerntet. - Wir wollten alle Qualitätschancen nutzen: Wir führten nicht nur eine Vorlese durch, sondern bei der sich anschließenden Hauptlese trennten wir die Trauben im Herzen des Rebstockes von denen an weiter außen liegenden Fruchtruten; damit trugen wir unterschiedlichen Reifegraden Rechnung.
Während dieses Prozesses sortierten wir zeitgleich edelreife und edelfaule Beeren aus, um hochwertige Auslesen zu gewinnen. Alle diese Mühen zur Qualitätssteigerung lassen sich klaglos dort durchführen, wo man aufgrund der Topographie eh' gezwungen ist, von Hand zu ernten: An den Steilhängen der Mosel!
Die Rieslingweine des Jahrgangs 1999 werden sich sehr früh trinkreif präsentieren:
Aromatisch, mit reifer, klarer Fruchtstruktur und harmonisch eingebundener Fruchtsäure. Der 1999er Mosel-Riesling wird insbesondere den Weinfreunden zusagen, die weniger säurebetonte Weine schätzen.
Das 20. Jahrhundert bescherte uns einige vinologische „Highlights"! Die absoluten Spitzenjahrgänge sind 1921 und 1959, gefolgt von 1971 und 1976. Dahinter reihen sich als große Jahrgänge 1911, 1937, 1949 und 1990. Die Zahl der Klassiker erweitert sich sodann um die Jahrgänge 1904, 1915, 1945, 1953, 1964, 1975 und 1983.
In den 90er Jahren gibt es eine Reihe weiterer Jahrgänge, die dieser Liste hinzuzufügen sind. Dennoch wäre ein abschliessendes Urteil derzeit verfrüht: 1993, 1995 und 1997 sind sicherlich „Kandidaten", aber ebenso 1994 und 1998. Insgesamt weist die 2. Hälfte des Jahrhunderts, insbesondere die letzte Dekade, eine steigende Zahl von Spitzenjahrgängen aus. Das könnte auf Klimaänderungen zurückzuführen sein, obwohl alte Weinchroniken davon berichten, daß um die Mitte des 13. Jahrhunderts die Temperaturen hierzulande denen heute in nichts nachgestanden hatten. - Entscheidender für die ansteigende Weinqualität sind jedoch zunehmendes Wissen, Ausbildung und universale Praxisorientierung der heute verantwortlichen Winzergeneration. Das gilt für das Anbaugebiet Mosel-Saar-Ruwer wie überall in der stetig wachsenden Weinwelt!
Zum Ende dieses Jahrhunderts erfreut sich Wein steigender Beliebtheit. Wein ist ein Kulturgut, das in Anlehnung an William Shakespeare „alle Menschen nun einmal begeistern muß"!
Ihnen und Ihren Angehörigen wünschen wir einen guten Beginn des großen neuen Zeitalters „2000" und daß der Wein Sie durch viele Jahrgänge erfreuend begleiten möge.
Mülheim/Mosel, den 4. Dezember 1999
Dr. Dirk Richter [Zurück] |